Der Abschied

Der Abschied
Von G.D. Lorentzen

Das Jahr in Washington D.C. verging viel zu langsam. Je mehr ich mich darauf freute, den Militärdienst zu verlassen, desto langsamer vergingen die Monate auf dem Kalender. Ich fand aber Trost in meiner Freundschaft mit Willie. Wir hatten die letzten vier Jahre zusammen verbracht, wir waren sowohl in Vietnam als auch in den Staaten an den selben Orten stationiert gewesen. Aber nur seitdem wir zusammen in Washington D.C. waren, wurde unsere Freundschaft noch bedeutungsvoller. Wir hatten eine dauerhafte Freundschaft geschlossen, und wir beide erkannten, dass unsere gemeinsamen Erfahrungen und Leiden eine starke Bindung zwischen uns geschaffen hatten.

Wir wohnten in einem westlichen Vorstadtwohnhaus, arbeiteten und unterhielten uns genauso wie wir es in den letzten nahezu vier Jahren gemacht hatten. Aber anstatt in den Kasernen mit siebzig anderen Männern zu wohnen, hatten wir unseren eigenen Raum, was wir viel angenehmer und natürlicher fanden. Auch Willie fand es so gemϋtlich, dass er ganz er selbst in meiner Anwesenheit sein konnte. Wir waren wie eine echte Familie, aber auch in dem Sinne, dass wir nicht weit genug in die Zukunft schauten, um wahrzunehmen, dass wir uns tatsächlich einmal trennen würden, und wir bald unterschiedliche Lebenswege gehen müssten. Willie und ich haben zufällig am gleichen Tag die Entlassungsformulare erhalten, und wir mussten uns also auch zur gleichen Zeit bei Fort Meyers melden, um die ausgefüllten Formulare einzureichen, ärztlich untersucht und offiziell entlassen zu werden. Es war der 21. Januar 1972, und irgendwie erschien es mir sehr passend, dass wir im Solareintritt des Wassermanns vom Militärdienst freigestellt werden sollten. Das sogenannte Neue Zeitalter dämmerte, zwar lag Vietnam hinter uns, war aber noch nicht geschichtliche Vergangenheit, und die Zukunft dehnte sich so sicher und weit vor uns aus, wie auch der Himmel und die Prairien es in den kommenden Tagen tun würden.

“Willie, lass uns endlich gehen! Wir wollen doch nicht zu spät  kommen!” gellte ich den Flur hinunter, an dessen Ende er sich noch im Badezimmer befand.
“Ja, Ja! Ich komme schon…bin gleich fertig!” Er tauchte aus dem Badezimmer auf, frisch rasiert, nach einem billigen Kölnischwasser duftend, und wie mein Zwilling in der typischen olivgrünen Uniform, deren Hosenbeine tadellos von hoch polierten Stiefeln verschlungen wurden. “Du, wie spät ist es denn?” fragte er. Ich guckte auf meine Uhr und antwortete ungeduldig: “Wir haben nur noch dreiβig Minuten.” Es war ja unser letzter Tag überhaupt in Uniform, das wussten wir zwar genau, aber das erwähnten wir lieber nicht, wohl wegen eines gewissen unausgesprochenen Aberglaubens, dass, wenn es ausgesprochen würde, unser Entlassungstraum platzen könnte.

“Na, mein Lieber, worauf warten wir denn? Nimm schnell die Formulare und dann geht’s los!” sagte Willie ironisch grinsend als hätte ich die Zeit verschwendet. Dann aber verminderte sich die Ironie in seinen Augen, und das Grinsen wurde zum texasbreiten Lächeln. Das Glück, das wir beide spürten, strahlte aus seinem ganzen Gesicht. Sein Lächeln machte mir Mut, obwohl wir beide doch ein bisschen, kaum bewusste, Angst vor der Zukunft hatten. Wir fuhren schweigend nach Fort Meyers, hörten nur das Radio. Ich erinnere mich nicht mehr, woran ich damals dachte – wohl an nichts – es war vor allem ein Tag des Wunders, eine Zeit, in der Wörter überflüssig schienen, und die einzigen Gedanken durch eine große Erwartung verdrängt wurden.

Ich war einundzwanzig, Willie zweiundzwanzig. Als wir da bei Fort Meyers Schlange standen und darauf warteten, entlassen zu werden, erinnerten wir uns an unsere gemeinsamen Erlebnisse und Erfahrungen in Vietnam. Auf einmal fühlte ich mich viel älter als meine einundzwanzig Jahre. Das Bild von zwei grünen Neulingen im Vietnamkrieg schien plötzlich nicht zu stimmen, wirkte unecht und unwahrscheinlich. Wir besprachen dann unsere achtzehn Monate in der Kriegszone und so unwahrscheinlich und unromantisch sie auch schon gewesen sein mochten, waren sie doch unser normaler Alltag in Vietnam gewesen: Die Mamasans beim Aufräumen, Titi der Scheiß-Brenner ständig beim Wegschleppen der menschlichen Exkremente aus den Latrinen, das ohrenzerfetzende Gebrüll von ab- und einfliegenden Düsenjägern, das Gerumpel und Gegroll der B-52 Bomben, in der Ferne der psychedelische Schall der abnehmenden und zunehmenden Lautstärke der Hubschrauber, spannende Nächte ohne besondere Vorkommnisse bei der Wacht, und der signifikante Pfiff der rein- und rausfliegenden Mörser und Raketen. Das waren die Gesichter und Geräusche des Vietnamkrieges, an die wir uns erinnerten, und als ich da bei Fort Meyers stand und mich erinnerte, bekam ich ein bisschen Panik. Vielleicht waren es auch Gewissensbisse, das wusste ich selber nicht so genau.

Ich guckte Willie an, und empfand die Uniform als unpassend auch wenn wir überlebt hatten. Wir hatten nicht an diesen Krieg geglaubt. Wir waren beide aus persönlichen Gründen freiwillig nach Vietnam gegangen. Willie hatte Künstler werden wollen, und ich hatte vorgehabt, Schauspieler zu werden. Wir beiden tendierten in unseren politischen Ansichten nach links. Solche Widersprüche ließen sich aber in diesem Moment nicht lösen. Es war ein existenzielles, kein politisches Problem. Als wir in Erinnerungen schwelgten, wurde ich mir der Widersprüche noch klarer bewusst:
“Gott, Willie, warum haben wir das hier eigentlich gemacht? Guck uns doch mal an! Was suchen wir denn hier überhaupt?” fragte ich rhetorisch.
“Na, wir stehen hier in dieser Uniform und warten darauf, vom Militärdienst entlassen zu werden,” sagte er trocken, obwohl er genau wußte, was ich meinte.
“Nein, Mensch, denk doch mal darüber nach. Wir sind freiwillig nach Vietnam gegangen!” erklärte ich mit einem gewissen Grad Erstaunen. “Woran haben wir damals bloß gedacht?”
Willie lächelte nur, zuckte die Schultern, und sagte in seiner unerschütterlichen Art: “Warum machen wir irgend etwas, Gary? Es schien uns zu der Zeit richtig und so war es nun einmal. Es bedeutet gar nichts.”
“Aber wir hassen den Krieg, Johnson und Nixon, ja? Warum haben wir also darum gebeten, rüber zu gehen?” fragte ich noch einmal eindringlich.
“Ach, ich weiß selber nicht mehr…” sagte er beinahe geistesabwesend, und ich konnte mich auch nicht mehr daran erinnern.
Dann fand er eine Art Antwort: “Vielleicht, weil wir süchtig nach dem Adrenalinrausch waren und wir der Langeweile entkommen wollten,” Willie guckte also direkt in meine Augen, “oder vielleicht auch, weil wir einen gewissen Ego-Komplex hatten, der danach verlangte, uns in die historische Bedeutung der ganzen Scheiße zu verwickeln.” Er dachte noch weiter laut darüber nach, “Wir waren wohl damals nicht selbstbewußt genug, um uns moralisch dagegen aufzulehnen.”
Es schien mir völlig richtig. Ich wußte schon, dass der Militärdienst für mich ein Versuch war, meine eigenen persönlichen Probleme zu lösen. In dem Moment meinte ich, dass mir das sogar teilweise gelungen war, auch wenn ich nicht alle meine Probleme bewältigt hatte. “Vielleicht haben wir Schwein gehabt, dass es überhaupt einen Krieg gab, zu dem wir weglaufen konnten,” sagte ich.
“Ja, nicht mal ein Zirkus, sondern ein echter Krieg, um aus dem Kindheitskokon auszubrechen.” fügte Willie lächelnd hinzu.
“Ein echter Krieg, damit wir der sozialen Anpassung und den Erwartungen der Familie, vor denen wir so viel Angst haben, entkommen konnten?” fragte ich ernsthafter als Willie es gemeint hatte. Ich fragte weiter, nun tiefgründiger als zuvor: “Und auch uns als Männer zu beweisen?”
Willie erwiderte nichts, und ich nehme an, dass ich wahrscheinlich keine Antwort erwartete.
Erst Jahre später würde ich auf die Idee kommen, dass der Krieg ein unnötiges und doch elementarisches archetypisches männliches Erlebnis ist, das Männer intensiv verbindet. Ich hatte das wohl damals geahnt, und deswegen war ich in diesem Augenblick zwar wütend, dass die Regierung uns so ausnutzen konnte, aber auch glücklich, dass ich nach Vietnam gegangen war. “Ich hasse es, das zuzugeben, aber mir wird es fehlen, weißt du?” sagte ich mit einer Spur Sehnsucht.
“Mir auch,” sagte Willie ohne aufzugucken.

“Tja, manchmal verachte ich ‘die Welt’,” sagte ich leise. “Die Welt” war unser Stichwort für die Heimat und auch dafür, wie man in den Staaten lebte, also für Amerika als ein gewisser Begriff oder eine Einstellung, auch jener geographische Raum des Alltags, der parallel zu unserem Leben in Vietnam lief. Während wir kämpften, starben, uns langweilten oder total verrückt wurden, uns fürchteten oder uns mit Drogen und Sex verwöhnten, arbeitete unsere andere Hälfte in der Welt von 9 bis 5, pendelte hin und her von zu Hause zur Arbeit, und führte ein gewöhnliches spießbürgerliches amerikanisches Leben. Sie hatte nur vage Kenntnisse unserer Realität in Vietnam. Die Welt informierte sich durch die von ihren Söhnen und Töchtern geschriebenen Briefen, die absichtlich schonend mit unvollkommenen Detaills geschrieben wurden, und durch die zynischen Medienberichte mit ihrer täglichen grausamen Leichenzahl. Das Leben in der Welt schien uns oberflächlich, Neon, glitzernd, glänzend, in Zellophanpapier-gehüllt, und Fernseher-geseift – und ich hasste es.

Am liebsten wollte ich die Welt in meine Hände nehmen und sie schütteln bis sie aufwachte, wieder zu sich kam und einsah, was wirklich geschah.
“Die Welt, eh?” fragte Willie mit seinem sanften Halblächeln. Er wußte genau, was ich meinte, aber er wollte mich wohl auf die Probe stellen. “Meinst du die ganze Welt, oder nur die Welt ausserhalb des Militärdienstes?”
Ich überlegte lange. Die Frage war nicht so leicht, wie sie schien. Wenn ich die ganze Welt hasste, würde es bedeuten, dass ich auch mich selbst hasste. Das war möglich. Auf der anderen Seite: wenn ich nur die Welt ausserhalb der Armee hasste, wäre es mir erstrebenswert, mich sofort wieder anzuwerben. Es war sowohl eine Scherzfrage als auch ein Rätsel. Ich habe mich selbst wirklich nicht so sehr gehasst, und wiederum war es mir völlig unmöglich, mich noch mal anzuwerben. Ich lächelte und guckte meinen Freund recht einfältig an.
“OK, Ich hab’s ja ein bisschen übertrieben…” fing ich an, aber ich merkte, dass Willie meine Ausreden nicht hören wollte. “Ja, schon gut, ich habe nur Theater gemacht!” musste ich zugeben. “Es tut mir leid.” Und Willie stimmte durch ein Kopfnicken zu.
“In der Welt werden wir uns wieder gut einleben,” meinte Willie. “Es wird noch ein bisschen dauern, aber es wird schon.”
Ich fand Trost in der Offenheit seiner Stimme, und wollte mir das Gefühl erhalten so viel wie ich mir wünschte, dass wir unsere Freundschaft fortführten.
“Ist ja komisch, ne…” sagte er weiter. “Einen Augenblick sind wir in Uniform, müssen auch immer einen Salut leisten, erfaßt und gemustert werden, also den ganzen militärischen Quatsch ertragen, und bald schon werden wir draußen auf der anderen Seite sein…wieder Zivilisten. Wir werden frei denken können, und uns keine Sorgen darüber machen, wo unsere Waffen sind, oder ob wir einen Salut leisten müssen, wenn wir jemandem begegnen,” sagte Willie begeistert.
“Gott,” sagte ich. “Das wird ja ein ganz neues Leben sein.” Ich wollte die Stimmung erleichtern, aber in Wirklichkeit fühlte ich mich nicht ganz wohl mit meiner Anwort. Ich spürte noch die Trostlosigkeit und Angst vor diesem wichtigen Augenblick der Entlassung.

Ich warf Willie einen kurzen Blick zu, als er seine Faust in unsere Black Power-Pose hochhob, was mich immer lächeln ließ. Wir identifizierten uns mit den Unterdrückten im Allgemeinen, und hatten das Symbol für uns selber übernommen. Es stellte unser Zurückspringen dar. Es bedeutete Widerstand. Es bedeutete, dass wir vor der militärischen Geistesverfassung nicht völlig absorbiert wurden. In den letzten Jahren hatten wir es oft genau so gemacht: wir guckten uns direkt in die Augen, lächelten wissend, als ob wir ein Geheimnis hätten, und erhoben die Fäuste. Nun ein letztes Mal und wir standen endlich vorne in der Schlange. Die ärztliche Untersuchung ging gut, wir unterschrieben die Entlassungspapiere, und gingen aus den Türen als frisch gemünzte Zivilisten.

Wir hatten alles schon eingepackt. Es war nicht viel und passte gut in den Kofferraum des neuen blauen Volkswagen Käfers, den Willie neulich gekauft hatte. Wir hatten uns schon früher entschlossen, nach Texas zu reisen, wo Willies Familie lebte, und von wo aus ich eventuell mit dem Bus nach Olympia, meiner Heimatstadt, fahren würde. Es war erst Mitternacht, und die Welt war sternenklar, als wir endlich abfuhren. Das Vibrieren des Autos und das ständige Summen des Motors beruhigten mich, da ich mich noch nicht daran gewöhnt hatte, Zivilist zu sein, und ich fühlte mich noch fast wie ein neugeborenes Wesen und deswegen auch als Fremdkörper in der Welt. Ich spürte aber auch eine gewisse Sicherheit im Gegensatz zu dem oft früher gefühlten Ärger oder der Furcht, die wir häufig in den letzten vier Jahren, besonders in Vietnam, erlebt hatten.

Ich guckte kurz in Willies Gesicht, während er am Steuer durch die Windschutzscheibe in die Nacht hinausstarrte. Die Schatten der Nase, des Kinns und seiner zärtlichen Augen zeichneten sich stark im Glanz der Scheinwerfer des entgegenkommenden Verkehrs ab. Das starre schwarz-weiss Bild brannte sich in meine Gefühle, und ich begann, eine Leere zu spüren – die Sorte innere Leere, die auftaucht, wenn man gerade etwas ganz Wichtiges und Dauerhaftes erledigt hat, und sich dann sehnsüchtig fragt, was es nun noch zu tun gibt. In dem Augenblick wollte ich Willie sagen, wie sehr ich unsere Freundschaft und unsere gemeinsamen Erlebnisse und Erfahrungen schätzte, ich zögerte und schwieg bis Willie selbst die Stille unterbrach. In seine Hemdtasche hineinfassend fragte er, “Du, willst du eine von diesen hier?”
“Was ist das denn?” fragte ich mich vorwärts lehnend um besser gucken zu können.
“Ein Weihnachtsbaum,” sagte er in sich hineinkichernd. Er lächelte listig, es gab jedoch einen Funken der Freundlichkeit in seinem Blick und auch Trost und Fürsorge in seinem Lächeln.
“Was?” fragte ich ein bisschen verblüfft.
“Amphetaminkapseln,” erklärte er sachlich. “Der Sanitäter bei Fort Meyers hat sie mir geschenkt, als ich untersucht wurde. Als Gratulation. Sie ist grün-auf-weiss, also heißt sie Weihnachtsbaum.”
Ich brauchte nicht dreimal zu überlegen. Das schien mir perfekt. Ich wollte sowieso nicht schlafen. Wir schleuderten in die Nacht, eilten immer weiter von unserer bitteren Vergangenheit hinweg und freuten uns auf den Durchbruch in eine neue, weit offene Zukunft. Ich wollte nichts verpassen. Wir beide wollten zwar dieses neue Freiheitsgefühl erforschen, aber waren auch davon eingeschüchtert, so plötzlich in die Welt geworfen zu werden.

Die Sinneswahrnehmung dieser neuen Freiheit traf uns dicht und fühlbar. Wir hatten uns daran gewöhnt, von Mutter Militär vollkommen umfaßt zu werden. Schon seit Jahren waren wir hin- und hergeführt worden, und uns war befohlen worden, was wir zu tun hatten. Wir waren daran gewöhnt, in sehr geordneten Zuständen zu leben. Plötzlich wurden wir wieder in die Welt entlassen, in einen Zustand, wo es nur eine Ordnung von Innen gab, und uns nicht von Draussen aufgedrängt wurde. Es war ein Paradox; wir hatten zwar den Einschränkungen der letzten vier Jahren entkommen wollen, aber wir spürten auch eine heftige Angst, die uns aus dieser panoramaartigen Öffnung der Perspektive entgegenkam. Wir schwiegen auf unseren Sitzplätzen, jeder in seinem eigenen separaten Raum, und versuchten uns diesen neuen Umständen anzupassen.

Das Amphetamin fing an, zu wirken, und die rasende Droge passte sich dem Schwung des schnellfahrenden Autos an. Die emotionale Distanz zwischen uns begann sich aufzulösen. Ich sah dann klar, dass er genauso verwirrt wie ich war, und weder er noch ich konnten es zugeben, wie wir uns fühlten. Da die Barrieren zwischen uns nun weg waren, wurde die Atmosphäre auch entlastet. Wir unterhielten uns. Wir lachten. Wir erforschten das Universum in uns, und die Autobahnbänder spulten sich um die ständig drehenden Reifen.

Ich erinnere mich, dass wir bei einem Truckstop irgendwo am Frühmorgen in West Virginia einen Zwischenstop machten. Wir hatten Hunger, aber wir hatten die ganze Zeit nur gelacht, als wir versuchten das Frühstück zu essen. Wir saßen neben verwitterten, sonnengegerbten Truckern, die mit einem dichten südstaatlichen Akzent sprachen, und schlüpfrige Witze über die country-western Kellnerinnen machten – diese an sich schönen Kaugummi kauenden Frauen, in Pastellfarben gekleidet, mit frisch eingesprühten Locken und aufgetürmter Haarpracht, die sie sorgfältig mit Haarnadeln befestigt hatten. Wir konnten uns damit einfach nicht in Beziehung bringen. Mit überwachsamen Augen verließen wir grinsend das Restaurant, gingen in die frühmorgenliche Dunkelheit und stiegen wieder in den blauen Volkswagen Käfer ein, um weiter südwestlich zu reisen.

Hinter uns brach die Morgendämmerung an, und die Sonnenstrahlen schienen uns und unsere rasende blaue deutsche Maschine anzutreiben. West Virginia verschwamm in Kentucky und Tennessee. Mississippi verschwand hinter Louisiana und Osttexas und dann erschien Houston am Küstentiefland unendlich ausgestreckt daliegend. Auf der anderen Seite dieser verdichteten städtischen Gegend verwandelte sich die Landschaft schnell zu einer schwülen und muffigen mit unangenehmen armseligen Dörfern befleckten Küstenebene. Traurigkeit überfiel mich. Ich fragte mich, warum Menschen ausgerechnet hier leben wollten. Die sumpfige Umgebung erinnerte mich an das Mekongdelta. Wir fuhren an alten Hütten und ungepflegten Häusern vorbei, die mir mehr als bekannt vorkamen. Ich hatte solche auch mal in meiner Kindheit auf den Prairien und dann auch in Vietnam gesehen. Ich wollte mich vor dem Landschaftbild drücken. Es war eine furchtbare und doch fruchtbare Einöde und ich beobachtete das Leben am Rande. Ich sah das alles emblemartig als Bild des Mangels an Moralität, verbunden mit dem Krieg und den vielen Ungerechtigkeiten in Amerika mit allen ihren Widersprüchen.

Mir fiel es ein, dass ich selber immer am Rande der Gesellschaft gelebt hatte, genauso wie auch Willie. Ich begann zu verstehen, warum die Menschen hier leben wollten, nämlich aus dem selben Grund, wie Willie und ich in Vietnam hatten bleiben wollen. Es war die Existenz am Rande des Lebens. Es gab keine Gemächlichkeit oder Leichtigkeit am Rande, nur einen immerwährenden Kampf physisch und psychisch zu überleben. Ich war voller Kraft und unabhängig. Ich gehörte nur mir selbst. Ich war heiter und scharfäugig, und keinem Willen gebeugt und auch nicht durch die aufgedrängten gesellschaftlichen Erwartungen zu Tode gelangweilt. Es gibt keinen Schwerpunkt der Gesellschaft am Rande.

Ich schaute wieder Willie an und sah in seinen Augen die gleichen traurigen Gedanken. Es war ein guter Augenblick, ein intimer Augenblick. Ihn so zu sehen, rief mir viele unserer gemeinsamen Erlebnisse ins Gedächtnis zurück. Ich wollte nie diese Erlebnisse vergessen oder unsere Freundschaft verlieren. Hätte ich es gekonnt, hätte ich ihn in dem Augenblick fest umarmt. Ich musste mit ihm reden.
“Also, Willie, draussen sieht es ein bisschen ähnlich aus wie das Delta, oder?”
“Stimmt. Auch wegen der Armut. Es bringt einen in eine so komische Stimmung,” sagte er nachdenklich. “zumindest mich.”
“Ja, mich auch. Übrigens, du hast mir nie gesagt, weißt du, was du machen wirst, nachdem du deine Eltern besucht hast?” fragte ich zögernd an die Zukunft denkend. “Bleibst du hier in Texas?”
“Das weiß ich selber noch nicht…muss mich irgendwo ansiedeln. Warum?” fragte er lächelnd, “hast du Eile, Abschied zu nehmen?”
“Das bestimmt nicht,” erwiderte ich schnell. Dann sagte ich ängstlich weiter, “Das ist ja schon bald. Wir sind morgen schon in Amarillo.”

Willie nickte, aber sagte nichts. Er zog sich wieder in sich zurück, und ich wollte ihn nicht stören. Ich hatte diesen Mann gern, aber hatte keine Ahnung, wie ich solche Gefühle richtig ausdrücken sollte. Ich hatte im Militärdienst zu hassen gelernt. Welche Empfindungen der Liebe und der Zuneigung ich auch hatte, drängten sich mir nun auf, brachen los, und bedrohten meine letzten vier Jahre militärischer Prägung. Ich hatte auch diesen Gefühlsausbruch gewünscht, aber nun, als er wirklich passierte, hatte ich Panik. Willie guckte mich wieder an, und ich wusste sofort, dass auch er so mit dem inneren Zwiespalt kämpfte. Wir schwiegen aber. Weder er noch ich konnten es äußern. Wir waren so eng verbunden, unsere Freundschaft erschreckte uns jedoch so, dass wir unseren beiderseitigen Respekt und Zuneigung nicht erklären konnten. Es war schließlich Texas und Macho wuchs im Land. Der Texashimmel fiel auf uns herab und wir versteinerten angesichts der auftauchenden Wüste.

Während wir durch diese Öde fuhren, war mir die ganze Zeit bewusst, dass unsere Trennung unmittelbar bevorstand. Ich ahnte, dass wir zueinander nichts sagen würden, es war uns eine wichtige Angelegenheit. Wir hatten aber auf unserer Reise die Schallmauer in die Welt durchbrochen, und die Erschütterung zerschmetterte unsere Verbindung. Mit einem trägen Sturz ins alte Jünglingsdasein hatten wir uns irgendwo in der Einöde von West Texas verloren.

“Ich glaube, ich fahre zurück nach Washington, D.C.,” unterbrach Willie die Stille plötzlich. “…finde einen Job, studiere, was weiß ich…alles kann nur besser sein als hier.”
Ich war erschöpft und lethargisch. Ich wollte das Thema nicht besprechen. “Das heißt, wir sollten eine Entscheidung treffen, was wir jetzt machen wollen,” sagte ich.
“Na, ich möchte meine Eltern wiedersehen…du kannst ruhig mitkommen, wenn du willst…ich hätte es eigentlich gern, wenn…,” Ich unterbrach seinen Gedanken, denn ich wusste genau, was er sagen wollte, und ich dachte, es würde nur das Unvermeidliche verschieben, wenn ich bei ihm in Amarillo verweilte. Ich stellte fest, dass wir so bald wie möglich Abschied nehmen sollten; es sollte eine unkomplizierte Trennung sein — eine kurze, sachliche, unemotionalle Verabschiedung. Ich atmete tief ein und sagte, “Du kannst mich an der Bus Station in Amarillo absetzen. Ich sollte sowieso bald in Olympia sein…, ist am besten wenn ich mich schnell einlebe und aufs Studium vorbereite.”

Willie schwieg kurz. Ich wollte auch nichts mehr sagen. “OK, machen wir,” sagte er endlich. “Geht schon.”

Der kleine blaue Volkswagen schnurrte die ganze Strecke nach Amarillo. Je näher wir kamen, desto deprimierter wurde ich. Als wir in die Stadt kamen, sammelte ich meine wenigen Sachen vom Rücksitz. Wir sprachen kein Wort mehr. Willie hörte Radio, vermutlich um zu vermeiden, miteinander zu reden. Wir kamen zur Bus Station, stiegen aus, und ich nahm meine restlichen Sachen aus dem Kofferraum. “Ich hab’ alles.” sagte ich.

Es war in jeder Hinsicht ein ausreichendes und anständiges “Auf Wiedersehen”: ein steifer Händedruck, ein schonendes schallendes Gelächter, ein Versprechen zu schreiben ohne wirklich daran zu glauben, und ein “Lebe Wohl.” Ich fühlte mich miserabel, weil mir alles zu schnell zu Ende ging.

Ich kaufte mir die Fahrkarte und wir gingen schweigend zum Bus. Wir standen da und schauten einander nicht an. Willie hatte die Hände in seinen Hosentaschen, lächelte zwar, schien aber rastlos und nervös. Der Busfahrer sammelte die Fahrkarten der Passagiere ein und half beim Einsteigen. Wir traten ein paar Schritte zur Seite, um auf den letzten Augenblick so lange wie möglich hinauszuzögern. Ich kämpfte so sehr damit, meine Tränen zurückzuhalten, dass ich gar nicht sprechen konnte. Als der letzte Passagier einstieg, nahm ich meinen Koffer, und fing an, mich langsam in Richtung des Busses zu bewegen. Willie schwieg. Wir wussten beide, die Zeit war um. Bevor ich aber einstieg, hörte ich Willie hinter mir husten, was mir als Signal galt, dass er doch noch etwas sagen wollte.

Ich drehte mich wieder um, und Willie kam näher. Er gab mir seine Hand und sagte fast flüsternd, “Es hat mich sehr gefreut, dich zu kennen. Du wirst mir fehlen, das weißt du.” Ich sah Tränen in seinen Augen und seine Unterlippe zitterte. Ich nickte nur mit dem Kopf, sonst nichts, ich brauchte auch sonst nichts zu sagen. Dann lautlos und nur mit seinen Lippen formte er die Worte, “Ich hab’ dich lieb.” Ich nickte meinen Kopf in Erwiderung, sagte zwar nichts, lächelte ihn aber mit Zuneigung an. Er lächelte dann auch, und ich wusste es wϋrde ihm trotzdem langsam gut gehen–und mir auch. Ich guckte fast ungeduldig über meine Schulter zum Bus. Willie ließ meine Hand los und mit einem kleinen Winken der Hand nahmen wir Abschied.

Ich ging die Stufen hinauf und verschwand im Bus. Einen Sitzplatz zu finden war viel leichter als meinen Trauer zu unterdrücken. Ich stopfte meinen ganzen Kram oben und unten in die Ablageflächen und die Stauräume hinein und setzte mich. Als der Bus mit einem Ruck vorwärts rollte, schaute ich aus dem dreckigen Aluminium gerahmten Fenster und sah Willie gegen seinen neuen blauen jetzt mit Texas-Staub bedeckten Volkswagen lehnen. Er leistete einen letzten Salut, in dem er sich in seine typische Willieartige Pose stellte: Er blickte zu Boden und hob seine rechte Faust über den Kopf. Der Bus fuhr ab, und ich machte die Augen zu, um mich von der Welt fernzuhalten.

Einige Stunden später wachte ich auf, das Summen des Busmotors lullte die Passagiere in einen unbequemen Schlaf. Ich starrte aus dem Fenster, aber konnte in der Dunkelheit nichts von dem vorbeirasenden Terrain erkennen. Ich lehnte mich zurück und schlief wieder ein. Wenn ich aufwachte, würde es ein neuer Anfang für uns beide sein. Das Militär hatte unserer Freundschaft als Hintergrund gedient. Nun, ohne Krieg, trennte uns unsere Wahl. Willie wählte den Osten, und ich wollte in den Westen. Obwohl seit vier Jahren so eng zusammen, führten unsere Wege nun in verschiedene Richtungen.

Zwei Tage später stieg ich aus dem Bus in einen kühlen nordwestlichen Sprühregen. Das nasse Straßenpflaster spiegelte den silberen Himmel wider, und das Spiegelbild diente mir als persönlicher Spiegel. Ich sah Vietnam in mir und wie es mich geformt hatte. Ich sah Willie in mir und wie unsere Freundschaft mich vermenschlicht hatte. Mit einem Schlage wurde mir klar, dass Willie für immer ein Freund und Blutsbruder bleiben würde, egal ob wir uns je wiedersehen würden oder nicht. Ich wusste nun, die Schatten der Kriegsereignisse würden von mir langsam abfallen. Es war Februar 1972, die Sonne stand im Wassermann, und ich war zu Hause angekommen.

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